
Hast Du Dich auch schon öfter irgendwie hilflos gefühlt oder ungerecht behandelt, wenn Dir von Erwachsenen geraten wurde, dass Du Dich beim Schreiben, Lesen oder Rechnen mehr bemühen oder vielleicht auch besser konzentrieren solltest?
Möglicherweise wurde Dir auch schon unterstellt, dass Du nur dann beim Schreiben, Lesen oder Rechnen was leistest, wenn Dir danach ist, also wenn Du auch willst, dann könntest Du es eh. Dabei bemühst Du Dich aber eigentlich ganz ehrlich jedes Mal, dein Bestes zu geben. Leider funktioniert es aber nicht immer so, wie Du es Dir selbst wünschen würdest.
Vielleicht wurde es für Dich auch noch unangenehmer, denn man hat Dir gegenüber auch schon erwähnt, dass Du möglicherweise schwach, gestört, krank oder gar behindert bist, oder man hat Dich als unkonzentriert und hyperaktiv bezeichnet, nur weil Du z.B. beim Abschreiben langsamer bist oder beim Vorlesen mehr Fehler machst oder im Rechenunterricht länger als Deine Klassenkameraden brauchst, um zum richtigen Ergebnis zu kommen, oder weil Du manchmal nicht stillsitzen kannst.
Wenn Du nun das Gefühl hast, dass Dir dies oder Ähnliches schon öfter passiert ist, dann könntest Du ein legasthener oder dyskalkuler Mensch sein.
Von Legasthenie spricht man, wenn Kinder, so wie Du, bei sonst recht guter Intelligenz beim Erlernen des Schreibens und/oder des Lesens Probleme haben, von Dyskalkulie spricht man, wenn Probleme beim Rechnen auftreten.
Vorweg sei aber gesagt: Legasthene/dyskalkule Menschen sind weder lernschwach noch lerngestört, sondern sie haben lediglich eine andere Informationsverarbeitung, bedingt durch ihre besonderen Sinneswahrnehmungen und eine damit verbundene andere Lernfähigkeit.
Verursacht werden deine Probleme durch differente Sinneswahrnehmungen, die sich im Zusammenhang mit Buchstaben- oder Zahlensymbolen, also beim Schreiben, Lesen und Rechnen, bemerkbar machen. Deine Sinneswahrnehmungen, wie z.B. das Sehen oder Hören, müssen gut funktionieren, damit Du auch das Schreiben, Lesen und Rechnen erlernen kannst. Vielleicht hast Du schon selbst beobachtet, dass beim Schreiben, Lesen und Rechnen deine Aufmerksamkeit zeitweise fehlt. Deine Gedanken machen einfach nicht, was Du möchtest, sie gehen bei der Tätigkeit des Schreibens, Lesens oder Rechnens einfach weg, und es macht Dir große Mühe, diese wieder zur Sache zu bringen. Dabei entstehen Fehler, die, wenn Du sie im Nachhinein betrachtest, auch für Dich unverständlich sind, weil Du eigentlich genau weißt, wie man richtig schreibt, liest oder rechnet.
Diese Fehler bezeichnet man als
Wahrnehmungsfehler. Sie entstehen, weil Deine Gedanken, bedingt dadurch, dass Du nicht ausreichend hingesehen oder hingehört hast, wieder irgendwo waren. Menschen, die nicht verstehen, was für ein Problem Du hast, bezeichnen diese Fehler als Schlampigkeitsfehler oder schlimmer noch: Sie glauben, dass Du schlicht zu dumm bist.
Die Tatsache ist aber, dass Du lediglich zum Zeitpunkt, wenn Du den Fehler macht, diesen nicht wahrnimmst, obwohl Du meistens weißt, wie z.B. das Wort richtig geschrieben wird.
Um es noch einmal zusammenfassend zu erklären: Durch differente Sinneswahrnehmungen kommt es zur zeitweisen Unaufmerksamkeit und deshalb zu Wahrnehmungsfehlern.
Beobachten Eltern oder Lehrer, dass ein Kind zeitweise beim Schreiben, Lesen und/oder Rechnen mit den Gedanken abschweift und nur schwer zur Arbeit wieder zurückfindet, in diesem Zustand Fehler macht, die es sonst nicht immer macht, so kann man davon ausgehen, dass es sich um ein legasthenes/dyskalkules Kind handelt.
Hast Du vielleicht schon selbst bemerkt, dass Du manchmal sehr gute Leistungen bringen kannst, ein anderes Mal sich wieder Fehler einschleichen? Bist Du sehr aufmerksam, dann kannst Du beim Schreiben, Lesen, Rechnen oft erstaunliche, aber leider nie konstante Leistungen erbringen.
Um es noch einmal zu betonen, die Legasthenie/Dyskalkulie ist in der Grundausprägung keine Schwäche, Störung, Krankheit oder gar Behinderung. Mehr als 15% der Weltbevölkerung haben diese besonderen Sinneswahrnehmungen. Sie brauchen lediglich eine besondere Unterrichtsform beim Erlernen des Schreibens, Lesens und/oder Rechnens.
Anders ist es bei der Lese-Rechtschreibschwäche oder auch bei der Rechenschwäche. Die LRS und Rechenschwäche werden durch verschiedene Ereignisse, die sich im Leben ereignen können, wie eine Krankheit, familiäre Vorkommnisse, psychische Ursachen etc., hervorgerufen, sie sind also erworben. Diese Schreib-, Lese- oder Rechenprobleme können vorübergehend sein und alleine durch vermehrtes Üben am Symptom, also durch mehr Schreiben, Lesen oder Rechnen, zumeist behoben werden. Leider erzielt man damit, also mit der Übung am Symptom bzw. an den Fehlern alleine, bei legasthenen/dyskalkulen Kindern keine oder nur geringe Erfolge. Wenn Du eine Legasthenie oder Dyskalkulie hast, dann muss die Hilfe oder Förderung wesentlich umfangreicher sein. Natürlich kommst Du nicht beim Schreiben-, Lesen- und/oder Rechnenüben vorbei. Vorrangig ist aber, dass man Dir hilft, die Gedanken bei der Sache zu halten – das kannst Du übrigens, wie Du sicherlich schon bemerkt hast, bei anderen Tätigkeiten bestens, wie z.B. im Umgang mit dem Computer etc. Weiters ist es für einen dauerhaften Erfolg von großer Wichtigkeit, dass auch die Sinneswahrnehmungen trainiert werden, Du musst lernen, genau hinzusehen und genau hinzuhören. Werden diese Anregungen beachtet, so kannst auch Du das Lesen, Schreiben und Rechnen erlernen.
Es gibt in Österreich, Deutschland und schon auf der ganzen Welt Legasthenie- und Dyskalkuliespezialisten, die vom Ersten Österreichischen Dachverband Legasthenie ausgebildet worden sind. Diese Legasthenie- und DyskalkulietrainerInnen stellen gezielt fest, welche individuelle Hilfe Du benötigst, und sie arbeiten mit Dir auf pädagogisch-didaktischer Ebene.
Vielen Kindern haben diese TrainerInnen schon erfolgreich geholfen. Wichtig sind aber Dein ehrlicher Wille, Dich zu verbessern, und Deine aktive Mithilfe bei der Förderung!