„NORMALE“ UND LEGASTHENE WAHRNEHMUNG

Von Sophie Weise in einem Brief an mich:

In Ihrem Buch „Der legasthene Mensch“ habe ich vier Thesen gefunden, die ich spannend finde:

1. Legasthene Menschen haben eine andere Wahrnehmung,
2. Legasthene Menschen haben Schwierigkeiten mit Abstraktionen, die sie nicht begreifen können
3. Legasthene Mensche sind kreativ
4. Legasthene Menschen sind sehr sozial orientiert

Da ich Soziologin bin, möchte ich Ihnen hier ein paar soziologische Ergänzungen einbringen:

Soziologie

Lesen, Schreiben und Rechnen sind abstrakte Kulturtechniken, die in der Menschheitsgeschichte relativ neu sind.
Auch das Individuum als autark gedachtes einzelnes Individuum ist eine relativ neue Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. Es ist nachgewiesen, dass es zumindest in einigen vorbürgerlichen Kulturen entsprechende Begriffe für ICH nicht gegeben hat. Das Individuum konnte immer nur in seinen sozialen Verhältnissen als Teil einer Gemeinschaft gedacht werden, es war auch nur als Teil einer konkreten sozialen Gemeinschaft lebensfähig. Im Mittelalter war ein „Vogelfreier“ kein Mensch mehr, dem Achtung oder Respekt gegenüber gezeigt wurde. Er war vollkommen rechtlos, ihm wurde eben der gleiche Respekt wie einem Vogel entgegengebracht.

Der Narzissmus ist eine kulturelle Errungenschaft, die mit der Loslösung der Individuen aus seinen sozialen Zusammenhängen korrespondiert. Der Narzissmus korrespondiert mit der abstrakt gewordenen gesellschaftlichen Realität. Die wirtschaftliche Vernetzung und wechselseitige Abhängigkeit steht im Widerspruch zur der subjektiv empfundenen und realisierten Individualität. Dies sind entgegen gesetzte Entwicklungen, und die Schere zwischen Autarkie und Selbstverwirklichung und der extremen Abhängigkeit von äußeren Entwicklungen, die nicht von dem Individuum beeinflusst werden können geht immer weiter auseinander.

Dies sind natürlich bis zur Kenntlichkeit vereinfachte Extreme von normalem kulturellem Sein und abweichendem kulturellen Sein. Der Norm entsprechend ist die rechte Seite, weil in unserer Gesellschaft diese funktionalen Fähigkeiten in ihrer Zielsetzung dominieren. Ich sehe sie als Funktionen der wirtschaftlichen Entwicklung an, die losgelöst von den menschlichen konkreten Bedürfnissen eine eigene Existenz und eine eigene Dynamik hat und sozusagen einer linearen Vernunft unterworfen ist, die diese wirtschaftliche Entwicklung begünstigt.

Der normale Mensch kann zu Hause liebenswürdig sein aber in der Arbeit ein skrupelloser, der linearen Gesetzten der Wirtschaft (Gewinnmaximierung) unterworfener Mensch sein. Diese Schizophrenie macht ihm nicht so große Probleme, wie dem legasthenen Menschen. Dieser erlebt diese entgegensetzten Anforderungen in unserer Gesellschaft nicht nacheinander, sondern in seiner extremen Widersprüchlichkeit. Der Legasthene befindet sich sozusagen in einem andauernden gefühlsmäßigen Spagat und erlebt diese Spannung, wohingegen der Normale anscheinend mit diesem Widerspruch besser leben kann. Der Normale kann besser verdrängen als der Legasthene. Das Unbewusste drängt sich dem Legasthenen auf und mischt beim Schreiben und Lesen mit, und ist nicht selten verantwortlich für den Buchstabensalat. Der Gefühlshaushalt der Legasthenen kann nicht so gut vom konkreten Gegenstand absehen – abstrahieren.

Ich glaube nicht, dass nur Normale (= der gesellschaftlichen Norm entsprechend) die Legasthenen nicht verstehen. Umgekehrt scheint es mir genauso zu sein. Legasthene können die Eindimensionalität der Normalen nicht verstehen. Das Leben der Realisten verläuft zwischen den Gleisen, Schwelle für Schwelle, weil sie sich nichts anderes vorstellen können. Sie erleben die Zweigleisigkeit, mit der sie durch das Leben gehen, nicht als gespanntes Verhältnis zwischen den zwei Geleisen, die in völlig verschiedene Richtungen weisen. Der Legasthene trägt diese Spannung in sich, er kann sich auch mal so und mal anders verhalten, aber er muss dies als bewusste Entscheidung in der jeweiligen Situation tun. Er befindet sich immer in diesem Spannungsverhältnis und dies ist eine verdammt anstrengende Angelegenheit.

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